Fierljeppen, wer traut sich?
Anlauf nehmen, an die Stange springen, so schnell wie möglich nach oben klettern und hoffen, dass man die andere Seite erreicht. Für Friesen ist das Fierljeppen, also Weitsprung mit einer Stange. Viele Urlauber fragen sich vor allem: Wie soll das gehen? Ganz ehrlich: Einfach ist es nicht, aber Spaß macht es auf jeden Fall. Und das Beste ist: In der friesischen Elfstädtestadt IJlst müssen Sie nicht nur zuschauen. Sie können es selbst ausprobieren.
Wie schwer kann das schon sein?
Ziemlich schwer. Das merken unser Kollege Arent und seine Freunde Chris, Boy und Theo bei einem Fierljep Kurs in IJlst ziemlich schnell. Die Männer kennen sich seit der Grundschule in Woudsend. Schon als Jungen zogen sie mit einer Stange durch die Wiesen und sprangen über Gräben. Das fühlte sich damals bereits wie ein Abenteuer an. Heute wagen sie sich an die echte Variante.
Bevor sie selbst an die Stange dürfen, führt Fierljep Legende Pieter Bult sie in die Welt des Fierljeppens ein. Und wenn sich jemand damit auskennt, dann ist er es.
Schnell, stark und geschickt
Pieter lebt für das Fierljeppen. Der inzwischen über Siebzigjährige hat miterlebt, wie sich der traditionelle Volkssport mit Holzstangen zum modernen Fierljeppen entwickelt hat. Was einst eine praktische Methode zum Überqueren von Gräben war, ist heute ein Sport mit offiziellen Wettkämpfen.
Heutzutage springen Fierljepper mit Carbonstangen, die bis zu zwölf Meter lang sind. Laut Pieter hat sich am Reiz des Sports trotzdem wenig geändert. „Das ist der schönste Sport, den es gibt“, sagt er.
„Es ist eine Kombination aus Leichtathletik, Turnen und allem, was dazwischenliegt. Man muss schnell, stark und geschickt sein. Und vor allem darf man keine Angst haben.“
Erst einmal im Trockenen
Nach der Erklärung wird es Zeit für die Praxis. Zumindest fast. Zuerst üben die Männer auf dem Trockenen. Das ist bereits schwieriger als gedacht.
Wie springt man richtig an die Stange? Welches Bein setzt man zuerst ein? Wo platziert man die Hände? Und wann beginnt man zu klettern? Schnell wird klar, dass Fierljeppen nicht einfach bedeutet, so schnell wie möglich loszurennen und auf das Beste zu hoffen.
„Wir sind keine dreißig mehr“, lacht Boy nach einem etwas unbeholfenen Versuch. Chris stimmt ihm zu: „Das macht man nicht mal eben so.“
Was viele nicht wissen: Ursprünglich war Fierljeppen überhaupt kein Sport. Im wasserreichen Friesland war eine Stange schlicht die schnellste Möglichkeit, Gräben und Wasserläufe zu überqueren. Zum Beispiel bei der Eiersuche im Frühjahr. Es ging nicht um Wettkämpfe oder Meisterschaften, sondern darum, trockene Füße zu behalten. Wobei genau das für Arent und seine Freunde heute noch eine Herausforderung wird.
Mit Fahrradschlauch und Harz
Dann folgt der nächste Schritt. Die Männer wechseln auf die andere Seite des Geländes, wo drei Stangen senkrecht im Boden stehen. Dort bekommen sie zunächst eine Gummischlaufe um den Fuß. Sie besteht aus einem einfachen Stück Fahrradschlauch.
Pieter erzählt stolz, dass er diese Lösung selbst erfunden hat und dass sie im Sport noch immer verwendet wird. Etwas Harz an den Händen und an der Gummischlaufe sorgt für zusätzlichen Halt. Dann beginnt das Klettern. Auch das ist schwieriger, als es aussieht. Nach einem kleinen Wettkampf darf sich Theo als schnellster Kletterer feiern lassen.
Der echte Sprung
Jetzt wird es ernst. Die Männer gehen zur kleinen Schanze, von der aus sie zum ersten Mal über das Wasser springen. Dadurch wird es sofort spannender. Auf dem Trockenen zu üben ist eine Sache. Mit Wasser unter den Füßen fühlt sich alles plötzlich anders an.
Trotzdem schaffen es Arent, Boy, Theo und Chris mehrmals auf die andere Seite. Die kleine Schanze wird allerdings nicht für alle sofort zum Erfolg. Chris ist der Erste, der mit nasser Kleidung am Ufer steht.
Jahrhundertealt und noch immer lebendig
Wie bestellt kommt während des Kurses Fierljepper Thewis Hobma mit seinen Kindern vorbei. Sein ältester Sohn Friso betritt ohne zu zögern die Schanze und zeigt, wie es richtig geht. Scheinbar mühelos fliegt er auf die andere Seite.
Das ist nicht verwunderlich: Er ist friesischer und niederländischer Meister. Sein Ziel für diese Saison? Alles gewinnen. Auch sein jüngerer Bruder Abe springt begeistert mit. Die nächste Generation steht bereits bereit.
Genau das macht Fierljeppen so besonders. Es ist keine Tradition, die nur in alten Geschichten weiterlebt. Sie lebt hier und heute. Von Generation zu Generation.
Die große Schanze
Es ist Zeit für das Finale: die große Schanze. Der Moment, in dem nasse Kleidung fast garantiert ist. Die Männer werfen einen Blick über den Rand.
„Puh, das ist doch etwas anderes als die kleine Schanze“, sagt Arent. Zunächst wird noch gelacht und jeder gibt sich selbstbewusst. Doch sobald es ernst wird, ändert sich die Stimmung. Die Scherze weichen der Konzentration.
Für einen kurzen Moment scheint jeder zu denken: Warum mache ich das eigentlich? Dann gibt es nur noch eine Möglichkeit: loslegen.
Typisch friesisch
Aber genau das macht einen Fierljep Kurs so unterhaltsam. Sie lernen eine Sportart kennen, die untrennbar mit Friesland verbunden ist. Sie lachen miteinander, feuern sich gegenseitig an und schaffen mit etwas Glück sogar den perfekten Sprung.
Ein Nachmittag mit Familie oder Freunden, über den Sie noch lange sprechen werden. Möchten Sie es selbst ausprobieren? In IJlst ist das möglich.